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Herbst in Czernowitz

von Renate Nimtz-Köster



Wie die Hauptstadt der Bukowina den Alltag im Krieg lebt. Ein Wiedersehen in schwerer Zeit.

Krieg im Land? Der erste Spaziergang, nach 17 Stunden Fahrt im Kleinbus von Berlin nach Czernowitz, trügt:
Zum Wiedersehen nach dem russischen Überfall strahlt der Herbsthimmel über der Flaniermeile der Bukowina, benannt nach der einheimischen Dichterin Olga Kobylanska. An der Ecke das ausgezeichnete traditionelle Restaurant, gegenüber der immer hübsch dekorierte Bonbonladen, in dem die bunten Süßigkeiten von Hand geschnitten werden. Ein paar Schritte weiter die vertrauten Schaufenster mit den Hochzeitskleidern. Noch kann man draußen sitzen, in einem der vielen Cafes. Ein paar Soldaten im Tarnfleck sind dabei. 

Doch schon am Ende der Fußgängerzone, gegenüber vom Rathaus, rücken Tod und Trauer  nahe: Von einer langen Wand, gelb-blau gestrichen, mit dem ukrainischen Dreizack inmitten der Europasterne, blicken die Gefallenen der Bukowina. Mehr als 300 sind es schon, aus der kleinen westlichen Provinz der Ukraine. Junge Gesichter, auch Fotos älterer Männer, die bereits auf dem Maidan gekämpft haben, reihen sich aneinander. Unter jedem Bild Dienstgrad, Geburts- und Todesdatum. Anastasia Valentinivna Gorbatschova, eine fröhliche Blonde im Parka, ist dabei: Freiwillige, geboren 1982, gefallen im August 2015. Da hatte Westeuropa den Krieg im Donbass noch kaum zur Kenntnis genommen, die Krim war schon annektiert. Der lachende Feldwebel mit den freundlichen Augen, Jurij Vasyljovytsch Hutsuljak, ist am 20. März 2022 gefallen, knapp einen Monat nach Kriegsbeginn.

Die Tage in Czernowitz sollten ein ganz persönlicher Gruß an die Freunde dort sein. Mehrmals war ich in der geschichtsträchtigen Stadt gewesen, seit 2014, als journalistische Gastdozentin an der Universität. Staunend steht wohl jeder Besucher vor den Kuppeln und Türmen der Alma Mater, die Franz Joseph I. 1875 gegründet hatte. Fast 18 000 Studenten zählt die Hochschule heute. Der liberale Herrscher des habsburgischen Vielvölkerstaates förderte das friedliche Zusammenleben von Deutschen, Juden, Rumänen, Ruthenen, wie damals die Ukrainischstämmigen hießen, von Polen und Magyaren in seinem östlichsten Kronland  und dessen Hauptstadt Czernowitz. Kultur und Handel blühten, Amtssprache war Deutsch. Dutzende Zeitschriften und Zeitungen in unterschiedlichen Sprachen lagen im berühmten Cafe Adler aus. Später sollte es zum Offizierstreff der nationalsozialistischen Besatzer werden. Heute hat eine Bank ihren Sitz in dem weißen Prachtbau.

Seit 2011 gehört das Uni-Ensemble von Bauten im byzantinischen, romanischen, gotischen und maurischen Stil zum Weltkulturerbe. Keramische Muster der ukrainischen Volkskunst zieren die Dächer. Keine Graffiti in den endlosen Gängen und Stiegen, hinter hohen Türen altertümliche Vorlesungs- und Seminarräume. Doch digital sind hier alle ausgerüstet, Dozenten und Studenten.

Im stuckverzierten Blauen Saal der Uni haben sich am letzten Septemberwochenende NGO’s aus ganz Italien versammelt, mitsamt Journalisten, auf dem Weg nach Kiew. Sie stellen sich und ihre Hilfsprogramme den Studenten vor. „Woran denkt ihr?“, fragt Antonio aus Verona und hält die EU-Fahne hoch: „Freedom“ antwortet jemand aus den vollbesetzten Stuhlreihen.

Am Eingangstor zur Uni, die nach Jurij Fedkowytsch, einem Klassiker der ukrainischen Literatur, benannt ist, weist ein Schild mit der Aufschrift „Showyschtsche“ in die Schutzkeller. Die alten Bauten sind von Kasematten untertunnelt. Noch ist Czernowitz von Luftangriffen verschont geblieben. Aber Sirenengeheul, das zum Gang in die Bunker verpflichtet, ist Alltag. Wenige Schritte von der Hochschule ist ein Zitat von Fedkowytsch angebracht, mit Friedenstaube und blaugelbem Band: „Und ich säe Glaube, Liebe, Hoffnung überall in der Bukowina aus.“


Am Abend feiert im International Office der Uni Studentin Inna Malyshevska ihren Abschied: Inna, die schon hervorragend Deutsch spricht,  freut sich auf ihr Stipendium für Bayreuth, mit einem Platz im Studentenheim. Der lange Tisch ist gedeckt, es gibt Rotwein, Pizza und Sushi, man prostet sich zu. Germanistin Oxana Matiychuk, die das Kulturzentrum „Gedankendach“ leitet und Serhij Lukanjuk, umtriebiger Chef des Office, der auch das NGO-Treffen organisiert hat, überreichen mit den Studienkollegen die Geschenke, die Inna mit auf den Weg bekommt: 
Blaugelb ist das Tuch mit schwungvollem Design, blaugelb die große Vliesdecke. 

Fröhliche Stimmung, Gelächter: „Nur so können wir überstehen,“ sagt Oxana Matiychuk. „Ihr sollt Euren Alltag leben,“ haben ihr Soldaten gesagt. „Nur – vergesst uns nicht.“

Das „Gedankendach“ (nach einer Wortschöpfung der bukowinischen Lyrikerin Rose Ausländer) und das International Office mit ihrer sprachkundigen Leitung sind zum Umschlagplatz für landesweite Hilfe geworden. Den Alltag bestimmen hier, statt wissenschaftlicher Arbeit, unentwegtes Fundraising, Abholen, Verteilen und Weiterleiten von Überlebenswichtigem. Je nach Lage wird in der Uni unterrichtet, online oder auch mit Nachholstunden am Sonnabend, berichtet Oxana. Sie selbst hat Binnenflüchtlinge aus Mariupol bei sich aufgenommen, arbeitete zeitweise im Badezimmer. Ihr Fazit zur Schuld der russischen Angreifer ist hart: „Sie sind Sklaven und wollen uns zu Sklaven machen.“  

Frühmorgens geht es mit Fahrer und seinem sorgsam gepackten Picknickkoffer über die nur 40 Kilometer entfernte Grenze nach Rumänien. Dort, in der Stadt Suceava, nehmen Oxana und Serhij entgegen, was von vielerlei Spendern regelmäßig hierher geschafft wird. Spenden der Universitäten Halle und Leipzig ebenso wie der Uni Bologna, aus der schon Dozenten persönlich angereist sind. Zurück in Czernowitz wird ausgepackt, registriert, in ein Lager sortiert und dann ans Ziel gebracht: Ob Babywindeln und -nahrung für die Binnenflüchtlinge, von denen allein 600 in einem Wohnheim der Uni  untergebracht sind, ob Morphium, warme Unterwäsche und Vliesjacken für Soldaten. Über eine Million Ukrainer haben im westlichen Teil des Landes Zuflucht gesucht, insgesamt gib es 7,7 Millionen Binnenflüchtlinge.


Aus der Vorlesung kommt Petro Rychlo zum Treff in das “Allerschönste Cafe“ an der Universitätsstraße, das zu Recht so heißt: Eingerichtet von einem Literaturliebhaber, ist es zu einem  Lieblingsplatz nicht nur für Studenten geworden: Auf engem Raum führt eine Wendeltreppe in die Höhe, mit Aussicht auf die Bücherwand und allerlei Antikes. Professor Rychlo ist nicht erst mit seinem großen Werk zum Paul-Celan-Jubiläum im vergangenen Jahr zu Berühmtheit gelangt: Zum hundertsten Geburtstag des gebürtigen Cernowitzers Paul Celan hat Rychlo sämtliche sieben Bände des Lyrikers ins Ukrainische übersetzt. Rastlos ist der auch in Deutschland vielfach ausgezeichnete Literaturwissenschaftler tätig, mit Lehre, Projekten und Veröffentlichungen. Diesmal wirkt er erschöpft. Doch: „Urlaub machen, das schiene mir vergeudete Zeit“.

„Die Russen lassen uns keine Ruhe,“ beklagt Rychlo. Und hat dennoch im September das alljährliche internationale Lyrikfestival „Meridian“ wieder in Czernowitz organisiert und moderiert. Sein Dokumentationsband zur Idee eines literarischen Weges durch die Bukowina und Galizien ist fertiggestellt. Doch auf den Spuren all der großen Dichter dieser Region wie Celan, Joseph Roth, Rose Ausländer, Gregor von Rezzori können ihre Leser nun nicht reisen.

Ein spontanes Seminar mit Journalistikstudenten hat Dozentin Liliya Shutiak organisiert. Inna übersetzt, wenn das Englisch nicht ausreicht. Die vielen deutschen Zeitungen mit der Kriegsberichterstattung beeindrucken die Erst- und Zweitsemester. In Czernowitz, ehemals reich an Zeitungskiosken, gibt es keine Zeitungen mehr, man informiert sich über das Internet. Keine der Studentinnen – nur ein einziger junger Mann ist dabei –  will wegen des Krieges das Studium aufgeben. Bestaunt wird eine Feuilletonausgabe der „Zeit“, ausschließlich von ukrainischen Kulturschaffenden gestaltet. Aber der Preis, erschreckend!

Auf Streifzügen durch die Stadt weisen Straßennamen und verblasste Inschriften zurück in die Geschichte. Unweit der Oper, vor der die Statue der Olga Kobylanska  gelbblau umhüllt ist, wird eine „Goethestrasse“ angezeigt, auf einem alten Straßenschild, in lateinischer und kyrillischer Schrift. In der Nähe des ehemaligen Jüdischen Nationalhauses, heute beherbergt es nur noch das Museum, ist gerade noch zu entziffern: „Milchmeierei“, darunter „ Milch-Kaffee-Tee“ und  „Täglich frisches Gebäk“ (sic).

Die verehrte Kobylanska löste nach dem Zweiten Weltkrieg  vor der Oper den rumänischen Dichterfürsten Mihai Eminescu ab, der wiederum nach kurzer Zeit rumänischer Herrschaft in Czernowitz die Schillerstatue ersetzte. Als sie abtransportiert wurde, seien ihr Tausende in einem Trauerzug gefolgt, heißt es. Nie wurde Schillers Statue wiedergefunden. Den verschleppten Sockel, der in einer Seitenstraße entdeckt wurde, nutzten Studenten für eine Performance mit Rezitationen. 

Ein anderes, pompöses Monument musste in den Septembertagen dem Bagger weichen: Auf dem zentralen Kathedralplatz wurde ein gigantischer Soldat der Roten Armee abgebaut, in nur einer Stunde. Länger hatten die Arbeiter mit  den Stufen und beschrifteten Granitplatten zu tun. Am Ende meiner Tage in Czernwitz ist nur noch Schutt übrig. „Na endlich,“ sagt eine junge Frau, die zugesehen hat. Die große Mehrheit der vorher befragten Bürger hatte zugestimmt. Der unerwünschte, aber nicht zerstörte Sowjetheld ist nun eingelagert und wartet auf einen Platz im geplanten Museumspark des „Totalitarismus“. Von den gusseisernen sowjetischen Befreiern mitsamt ihren riesigen Lorbeerkränzen haben sich mittlerweile nicht nur in der Westukraine zahlreiche Gemeinden befreit.

Am letzten Morgen erreicht mich doch noch, was ich schon fast verdrängt hatte: Luftalarm, als ich das Fenster öffne. Nur fünf Minuten sind es bis zur Uni. Die langjährige DAAD-Lektorin Kati Brunner, die wegen des Krieges aus Versicherungsgründen zurzeit nicht in Czernowitz arbeiten darf, hat mir ihre Wohnung überlassen. Der Portier am großen Tor der Uni weist den Weg, aber ohnehin laufen Scharen von Studenten zu den Luftschutzkellern.

Stühle ringsum die Wände entlang, Tischtennisplatten in zahlreichen Räumen mit Neonlicht. Gelassenes Abwarten, aufs Handy sehen. Das ist einer Gruppe offenbar zu langweilig. Sie unterhalten sich mit Kinderspielen, Geflüster, Gelächter, Abklatschen und Rangeln im Kreis.

Nach einer Dreiviertelstunde geht es wieder ans Licht, gelassen, ohne Gedrängel. Draußen vor dem Portal stellen sich drei Studenten auf: Sie zeigen das Victoryzeichen, haben die ukrainische Flagge umgelegt, einer von ihnen auch die rotschwarze der Nationalbewegung.

Noch einmal mache ich mich auf zum Markt, ein  Ort, der trotz Krieg im Herbst besonders verlockt. Landfrauen bieten Preiselbeeren und prächtige Steinpilze an, immer nur kiloweise. Ganz offensichtlich sind die edlen Pilze heil, nichts Madiges ist weggeschnippelt wie auf dem Wochenmarkt zuhause. Dem Großhändler bieten Bauern ihre bereits geknackten Walnüsse an, die er prüft, nach Qualität in Säcke verteilt und gleich weiterverkauft. Zwei, drei Kilo sind im Bus zurück nach Deutschland kein Problem.

Auf dem Rückweg tönt Gesang aus einer offenen Tür. Mozhno? Dozvoljte? Ist es erlaubt reinzusehen? Wie hübsch sie sind, die Mädchen in ihren bestickten Trachten, die langen bunten Bänder am Kopfschmuck. Die Tanz- und Chorgruppe ist bekannt in der Bukowina, sie heißt „Gerdan“, nach dem Wort der  ukrainischen Karpatenbewohner für das Glasperlenband, das Mädchen als Halskette, Männer als Verzierung auf dem Hut tragen. 

Abends, zum Abschied in der Vulyca Darwina, der Wohnung in der Darwinstraße, kommt noch Oleh Barasij vorbei. Oleh, Assistent am „Gedankendach“, bringt Pralinen  – und Dank, dass ich gekommen bin: „Es ist so wichtig für uns.“ Er ist in Eile, morgen beginnt sein Kunstprojekt mit  Kindern. Das liegt ihm sehr am Herzen: „Nach sieben Monaten Stress muss man auch einmal fröhlich sein können.“

Auf die Minute, um fünf Uhr zwanzig morgens, kommt der bestellte Kleinbus von Mischa. Er bringt mich zurück, bis vor die Haustür. In Katis Wohnung ist inzwischen eine Flüchtlingsfamilie aus Saporischja eingezogen.